Clean Content
Eine Bewegung für gesunde digitale Mediengestaltung – initiiert von InkluFusion e. V. Digitale Inhalte sollen informieren, verbinden und inspirieren, ohne zu überreizen, die Augen zu überlasten oder Verhalten zu manipulieren.
Inhaltsverzeichnis
Das Symbol
Das Symbol steht für Klarheit, Ruhe und einen offenen, nicht geschlossenen Kreis: Inhalte, die das menschliche Nervensystem respektieren, die keine künstliche Überreizung erzeugen und die das digitale Erleben nicht beschleunigen, sondern erleichtern. Es ist ein sichtbares Zeichen für digitale Verantwortung.
Wir leben in einer Zeit, in der digitale Inhalte unser Denken, Fühlen und Handeln stärker beeinflussen als jede andere Medienform zuvor. Ob wir Informationen aufnehmen, uns entspannen oder mit anderen in Kontakt treten – all dies geschieht zunehmend über Plattformen, deren wirtschaftliches Ziel nicht das Wohlergehen des Menschen ist, sondern die Maximierung von Aufmerksamkeit und Verweildauer.
Digitale Inhalte werden heute vorrangig dafür gestaltet, von Algorithmen bevorzugt und weiterverbreitet zu werden – nicht dafür, langfristig gesund konsumierbar zu sein. Diese Entwicklung hat Folgen, die sich beschreiben und messen lassen: Belastung des visuellen Systems, Aktivierung des Belohnungssystems, kürzere Verweildauer bei einzelnen Aufgaben und digitale Erschöpfung.
Clean Content ist kein Rückschritt ins Analoge. Es ist ein Fortschritt hin zu einer neuen Qualität digitaler Kommunikation – eine, die Gesundheit, Selbstbestimmung und mentale Stabilität respektiert und fördert.
Warum wir das tun
Clean Content ist aus Beobachtung entstanden, nicht aus einer theoretischen Idee.
In unserem Umfeld sehen wir es immer wieder: Kinder im Grundschul- und frühen Jugendalter, die nach dem Konsum algorithmisch gesteuerter Kurzvideos emotional abstumpfen, sich zurückziehen und gereizt reagieren, sobald das Videoangebot unterbrochen wird. Nicht bei einem Kind, sondern bei vielen. Eltern beschreiben uns denselben Ablauf mit denselben Worten, unabhängig voneinander.
Auffällig ist dabei: Die Inhalte selbst sind meist unproblematisch. Es ist die Art und Weise, wie sie präsentiert werden – die Taktung, die Endlosigkeit, die Unvorhersehbarkeit des nächsten Reizes. Was wie mangelnde Disziplin aussieht, ist die erwartbare Reaktion auf eine Gestaltung, die genau diese Reaktion hervorrufen soll.
Daraus entstand eine zweite Frage: Wenn unsere Gesellschaft bereit ist, Lebensmittel als biologisch, Kleidung als fair gehandelt oder Energie als nachhaltig zu kennzeichnen – warum gibt es kein sichtbares Zeichen für digitale Inhalte, die rücksichtsvoll gestaltet sind?
Mit Clean Content geben wir diese Antwort. Clean Content ist kein moralisches Urteil und kein Regulierungsvorstoß, sondern eine freiwillige, bewusste Haltung. Clean Content zielt nicht darauf ab, Menschen zu formen, sondern Menschen zu stärken.
Was Clean Content ist
Clean Content bezeichnet digitale Inhalte, die so gestaltet sind, dass sie die Gesundheit des menschlichen Gehirns, der Augen und der Aufmerksamkeit respektieren. Es handelt sich nicht um eine technische Funktion, keinen Filter, kein ästhetisches Design und keine Stilrichtung. Clean Content ist ein bewusster Gestaltungsansatz.
Ein Inhalt gilt als Clean Content, wenn er nicht auf maximale Verweildauer ausgerichtet ist, sondern auf Verständnis, Erkenntnis und echte Verbindung. Es geht darum, Reize kontrolliert einzusetzen, um das Nervensystem nicht dauerhaft in Alarmbereitschaft zu versetzen. Visuelle, auditive und textliche Elemente dienen der Orientierung und der inhaltlichen Aussage – nicht der künstlichen Erregung. Die Aufmerksamkeit der Nutzenden wird als schützenswerte Ressource behandelt und nicht als Ware betrachtet.
Clean Content nimmt nichts weg – im Gegenteil, er fügt etwas hinzu: Vertrauen, Klarheit, Ruhe, Fokus und Zugang zu echter Bedeutung. Dieser Ansatz richtet sich an alle, die Inhalte erstellen oder verbreiten – an Einzelpersonen, Medienschaffende, Organisationen, Bildungseinrichtungen, Unternehmen und öffentliche Institutionen.
Clean Content ist keine Einschränkung von Kreativität. Es ist eine Neuausrichtung digitaler Gestaltung – weg von der Optimierung für Algorithmen, hin zur Relevanz für Menschen.
Was es schon gibt und was fehlt
Clean Content steht nicht allein. Es gibt Bewegungen, die verwandte Fragen stellen, und wir grenzen uns von ihnen nicht ab, sondern bauen auf ihnen auf.
Das Slow Media Manifest von Sabria David, Jörg Blumtritt und Benedikt Köhler formulierte bereits 2010 im deutschsprachigen Raum eine Kritik an Beschleunigung und Oberflächlichkeit in den Medien und wurde in zehn Sprachen übersetzt. Das Center for Humane Technology um Tristan Harris arbeitet seit 2018 international daran, wie Technologie menschenfreundlicher gestaltet werden kann. Calm Technology nach Amber Case beschreibt Prinzipien für Technik, die im Hintergrund bleibt, statt Aufmerksamkeit einzufordern.
Was aus unserer Sicht bislang fehlt, ist etwas Konkretes: ein sichtbares Kennzeichen am Inhalt selbst. Slow Media beschreibt eine Haltung beim Konsumieren. Humane Technology adressiert die Gestaltung von Plattformen und Produkten. Clean Content setzt dazwischen an – bei dem einzelnen Beitrag, dem einzelnen Video, der einzelnen Seite – und macht die Gestaltungsentscheidung nach außen erkennbar, so wie es Bio-, Fairtrade- oder Barrierefreiheitskennzeichnungen in ihren Bereichen tun.
Darin sehen wir unseren Beitrag: nicht in der Erkenntnis, dass digitale Gestaltung auf Menschen wirkt – die ist nicht neu –, sondern in dem Versuch, daraus ein prüfbares, freiwilliges und sichtbares Zeichen zu machen.
Abgrenzung zu Barrierefreiheit, Jugendschutz und Medienkompetenz
Clean Content steht nicht im Gegensatz zu bestehenden Schutz- und Gestaltungsprinzipien. Es ergänzt sie um eine Dimension, die bislang weitgehend fehlt: die gesundheitliche Verträglichkeit digitaler Inhalte auf neurobiologischer und visueller Ebene.
Barrierefreiheit stellt sicher, dass Inhalte zugänglich, wahrnehmbar und bedienbar sind – insbesondere für Menschen mit Behinderungen. Clean Content geht über den Zugang hinaus und fragt, ob Inhalte auch langfristig gesund konsumierbar bleiben. Barrierefreiheit öffnet die Tür, Clean Content schützt die Wahrnehmung. Wie wir Barrierefreiheit auf dieser Website umsetzen, steht in unserer Erklärung zur Barrierefreiheit.
Jugendschutz fokussiert sich auf die inhaltliche Unbedenklichkeit von Medien, etwa in Bezug auf Gewalt oder Sexualität. Clean Content bezieht sich auf die strukturelle Wirkung digitaler Inhalte – auf Schnittfrequenz, Reizdichte, algorithmische Verstärkungsmechanismen und endlose Feeds. Ein Video kann jugendschutzkonform sein und dennoch belastend wirken.
Medienkompetenz vermittelt die Fähigkeit, digitale Inhalte kritisch zu nutzen und zu reflektieren. Clean Content nimmt den Druck von den Nutzenden, indem er Inhalte so gestaltet, dass sie keine kognitive Überforderung auslösen. Medienkompetenz fördert Schutz durch Wissen. Clean Content schafft Schutz durch Gestaltung.
Wissenschaftliche Grundlage
Clean Content stützt sich auf Forschung aus Neurowissenschaft, Psychologie, Augenheilkunde und Medienwirkungsforschung. Wir legen dabei offen, wie belastbar die einzelnen Befunde jeweils sind. Ein Manifest, das mehr behauptet, als die Forschung trägt, würde genau das Vertrauen untergraben, für das Clean Content steht.
Was gut belegt ist
Die Belastung des visuellen Systems. Bildschirmarbeit senkt die Blinzelrate deutlich – von normalerweise etwa 15 bis 20 Blinzelvorgängen pro Minute auf teils ein Drittel dieses Wertes. Die Folge sind Instabilität des Tränenfilms, trockene Augen und visuelle Ermüdung. Mark Rosenfields Arbeiten zum Computer Vision Syndrome haben dieses Bild seit 2011 systematisch zusammengetragen. Die DIN EN ISO 9241 definiert Standards zur visuellen Ergonomie, die im Arbeitskontext verpflichtend sind – im digitalen Unterhaltungsbereich jedoch nicht angewendet werden.
Die Gestaltungsmechanismen selbst. Dass Plattformen mit intermittierender Verstärkung arbeiten – also mit unvorhersehbar auftretenden Belohnungen –, ist kein Verdacht, sondern eine beschreibbare Eigenschaft ihrer Gestaltung. Dieses Prinzip ist aus der Lernpsychologie seit Langem bekannt und erzeugt besonders stabile Verhaltensmuster.
Die verkürzte Verweildauer am Bildschirm. Gloria Mark misst seit über zwanzig Jahren mit Software-Protokollierung, wie lange Menschen bei einer Bildschirmaufgabe bleiben: 2004 im Mittel etwa 2,5 Minuten, in neueren Erhebungen rund 47 Sekunden.
Was wir bewusst nicht behaupten: Die populäre Aussage, die menschliche Aufmerksamkeitsspanne sei generell auf wenige Sekunden geschrumpft und liege unter der eines Goldfischs, ist wissenschaftlich nicht belegt. Sie geht auf einen Marketingbericht von 2015 zurück. Wir verwenden sie nicht.
Wo Zusammenhänge gezeigt, aber keine Ursachen bewiesen sind
Belohnungssystem und soziale Medien. Meshi, Morawetz und Heekeren (2013) zeigten, dass die Aktivität im linken Nucleus accumbens bei sozialem Reputationsgewinn vorhersagt, wie intensiv eine Person Facebook nutzt. Das ist ein Zusammenhang zwischen individueller Belohnungsverarbeitung und Nutzungsintensität – es zeigt nicht, dass die Nutzung das Belohnungssystem verändert.
Nähe zu Verhaltenssüchten – mit einer wichtigen Einschränkung. Turel und Kollegen (2014) fanden, dass technikbezogene „Abhängigkeiten“ einige neuronale Merkmale mit Substanz- und Glücksspielsucht teilen. Dieselben Autoren betonen jedoch ausdrücklich, dass sie sich in ihrer Entstehung von diesen Süchten unterscheiden.
Kurzvideos und Aufmerksamkeit. Chen und Kolleginnen (2022) zeigten mit Eye-Tracking, dass Personen mit problematischer Kurzvideonutzung während und nach dem Ansehen schlechter in Aufmerksamkeitsaufgaben abschneiden. Verglichen wurden dabei Personen mit und ohne problematische Nutzung – nicht Kurzvideonutzung an sich gegen keine Nutzung.
Digitale Mediennutzung und ADHS-Symptome. Die Längsschnittstudie von Ra und Kollegen, 2018 im JAMA erschienen, begleitete rund 2.500 Jugendliche über 24 Monate. Wer viele digitale Aktivitäten häufig nutzte, berichtete später öfter ADHS-Symptome: 9,5 Prozent gegenüber 4,9 Prozent. Der Zusammenhang ist statistisch signifikant, von den Autoren selbst aber als moderat eingestuft. Eine Beobachtungsstudie kann keine Ursache beweisen; die umgekehrte Richtung ist mit denselben Daten vereinbar.
Was das zusammengenommen bedeutet
Die Forschung zeigt zwei Dinge deutlich: Digitale Inhalte wirken körperlich – auf die Augen unmittelbar und messbar. Und die Mechanismen, mit denen um Aufmerksamkeit geworben wird, sind gezielt gestaltet und in ihrer Wirkungsweise gut beschreibbar.
Was die Forschung nicht zeigt, ist ein einfacher Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Bildschirmnutzung und psychischer Erkrankung. Die Befunde dazu sind überwiegend korrelativ, die Effektstärken meist klein, und die Fachdebatte ist offen. Auch ist „Social-Media-Sucht“ keine anerkannte Diagnose: Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation führt ausschließlich die Computerspielstörung.
Genau deshalb argumentiert Clean Content nicht mit Krankheitsbildern, sondern mit Gestaltung. Man muss keine Sucht diagnostizieren, um zu begründen, dass Inhalte einen klaren Anfang und ein klares Ende haben sollten. Es genügt der Respekt vor der Aufmerksamkeit des Menschen, der davor sitzt.
Wen es betrifft
Clean Content betrifft nicht eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, sondern die gesamte Gesellschaft. Bestimmte Gruppen sind jedoch besonders empfindlich und verdienen daher besonderen Schutz:
- Kinder und Jugendliche befinden sich in einer entscheidenden Phase der Gehirnentwicklung. Studien zeigen Zusammenhänge mit Aufmerksamkeitsproblemen, emotionaler Dysregulation und sozialem Rückzug.
- Menschen mit ADHS, Autismus oder anderen Formen neurodiverser Wahrnehmung reagieren besonders sensibel auf schnelle Reizabfolgen.
- Menschen mit Sehbehinderungen, erhöhter Lichtempfindlichkeit oder degenerativen Augenerkrankungen wie Retinitis pigmentosa erleben durch schnelle Schnitte, intensive Lichtimpulse und starke Kontrastwechsel zusätzliche Belastung bis hin zu Schmerzen. Gleichzeitig profitieren auch gesunde Augen von augenschonender Gestaltung.
- Chronisch kranke Menschen – etwa mit Fatigue-Syndrom, Long Covid oder Fibromyalgie – erleben häufig sensorische Überlastung und kognitive Erschöpfung.
- Menschen mit psychischer Belastung reagieren empfindlich auf digitale Überreizung.
- Lernende, Studierende und Wissensarbeitende sind auf die Fähigkeit zur vertieften Konzentration angewiesen.
- Ältere Menschen reagieren häufiger sensibel auf visuelle und kognitive Überlastung.
- Creator, Institutionen, Unternehmen und Organisationen, die Inhalte veröffentlichen und bereit sind, Verantwortung sichtbar zu übernehmen.
Werte und Prinzipien
Clean Content ruht auf einem klaren Fundament aus Werten. Diese Werte sind keine abstrakten Ideen, sondern konkrete Leitlinien, die sich in jedem Inhalt widerspiegeln sollen, der das Symbol trägt.
- Aufmerksamkeit als schützenswertes Gut. Aufmerksamkeit ist keine wirtschaftliche Ressource, sondern Grundlage unserer Wahrnehmung, unseres Denkens und unserer Beziehungen. Sie ist keine Ware, die maximiert werden darf.
- Neuro- und augenfreundliche Gestaltung. Wahrnehmung wird nicht als technische Fähigkeit betrachtet, sondern als Teil der menschlichen Gesundheit.
- Transparenz. Inhalte überzeugen durch Klarheit, nicht durch psychologische Tricks oder künstlich erzeugte Spannung.
- Stärkung der Selbstbestimmung. Die Nutzenden behalten die Kontrolle darüber, wie lange sie Inhalte konsumieren und in welchem Tempo. Der Mensch bleibt gestaltendes Subjekt, nicht Objekt algorithmischer Steuerung.
- Inklusion auf neurobiologischer Ebene. Digitale Räume sollen für alle zugänglich sein, ohne dass Menschen sich anpassen oder Überlastung in Kauf nehmen müssen.
- Verantwortung als kultureller Auftrag. Die Gestaltung digitaler Inhalte ist nicht ausschließlich eine kreative oder wirtschaftliche Entscheidung, sondern eine ethische.
Vision und Ziele
Clean Content ist nicht als kurzfristige Kampagne gedacht, sondern als Beginn eines kulturellen Wandels im digitalen Raum. Die Vision ist eine digitale Welt, in der Inhalte den Menschen stärken, statt ihn zu überfordern.
Kurzfristig wollen wir Bewusstsein für die gesundheitlichen Auswirkungen überreizter digitaler Inhalte schaffen und das Symbol als sichtbares Zeichen etablieren. Zudem soll eine Gemeinschaft entstehen, in der sich Creator, Fachpersonen, Organisationen und Institutionen zusammenschließen.
Mittelfristig wollen wir einen Leitfaden erarbeiten, der konkrete und überprüfbare Kriterien für gesundheitsfreundliche digitale Inhalte definiert – gemeinsam mit Fachleuten aus Medizin, Neurowissenschaft, Augenheilkunde, Psychologie, Pädagogik und Medienethik. Wo die Forschungslage nicht eindeutig ist, soll der Leitfaden das benennen, statt es zu überspielen.
Langfristig soll ein Standard entstehen, der ähnlich wie Bio-, Fairtrade- oder Barrierefreiheitskennzeichnungen erkennbar ist – freiwillig, verbreitet durch Überzeugung und Vorbildwirkung, nicht durch Regulierung.
Der Clean Content Kodex
Der Kodex ist ein öffentliches Bekenntnis zu digitaler Verantwortung. Er dient nicht der Abgrenzung, sondern der Orientierung. Wer das Symbol verwendet, erklärt:
- Klarer Anfang, klares Ende. Inhalte sind nicht darauf ausgelegt, Nutzende in endloses Scrollen hineinzuziehen. Die Entscheidung über die Nutzungsdauer liegt beim Menschen, nicht bei der Technik.
- Reize im Dienst der Aussage. Schnelle Schnitte, grelle Lichtimpulse und aggressive Soundeffekte werden vermieden, wenn sie keinen inhaltlichen Mehrwert haben und lediglich der Reizmaximierung dienen. Das Gehirn bekommt Zeit für Verarbeitung, die Augen werden nicht in dauerhafte Anspannung versetzt.
- Transparenz statt Manipulation. Clean Content verzichtet bewusst auf psychologische Tricks, die Verhalten steuern oder das Gefühl erzeugen sollen, etwas zu verpassen. Statt künstlicher Dringlichkeit tritt echte Relevanz.
- Vielfalt und Inklusion auf neurobiologischer Ebene. Inhalte werden so gestaltet, dass sie Menschen mit unterschiedlichen sensorischen und kognitiven Voraussetzungen gleichermaßen zugänglich sind. Sie sollen weder ausschließen noch überfordern.
Der Kodex ist kein Regelwerk, das Grenzen setzt. Er ist ein Zukunftsversprechen, das Vertrauen schafft.
Einladung zur Beteiligung
Clean Content ist keine geschlossene Initiative und kein exklusives Konzept. Die Teilnahme setzt keine Mitgliedschaft voraus, sondern eine innere Haltung: die Bereitschaft, digitale Inhalte so zu gestalten und zu verbreiten, dass sie die Gesundheit der Nutzenden nicht beeinträchtigen, sondern schützen und stärken.
Mit dem Symbol wird diese Haltung sichtbar. Es kann am Ende eines Beitrags, in einem Profil oder in einem Impressum stehen. Es steht nicht für Perfektion, sondern für Verantwortung. Es sagt: Dieser Inhalt wurde mit Respekt vor der Aufmerksamkeit, der Gesundheit und der inneren Ruhe des Menschen gestaltet.
Die Beteiligung kann auf verschiedenen Ebenen erfolgen. Einzelpersonen können beginnen, eigene Inhalte nach Clean-Content-Prinzipien zu gestalten. Organisationen können Clean Content in Kommunikationsrichtlinien integrieren. Bildungseinrichtungen, therapeutische Praxen und Institutionen können Clean Content als Qualitätsanspruch nutzen, um sichere digitale Lern- und Informationsräume zu schaffen.
Clean Content wächst nicht durch Druck, sondern durch Überzeugung. Nicht durch Verbote, sondern durch Vorbilder.
Du möchtest mitmachen oder hast Fragen? Schreib uns an hallo@inklufusion.de. Wir freuen uns über Rückmeldungen, fachliche Kritik und alle, die das Symbol verwenden möchten.
Ausblick
Die digitale Welt befindet sich im Wandel, und die Regulierung zieht nach:
- Die Weltgesundheitsorganisation hat mit der ICD-11 die Computerspielstörung als eigenständige Diagnose aufgenommen.
- Die Europäische Union verpflichtet mit dem Digital Services Act (2022) sehr große Plattformen dazu, systemische Risiken zu bewerten und zu mindern – ausdrücklich auch solche, die aus suchtfördernder Nutzungsgestaltung entstehen. Das Europäische Parlament hat in seiner Entschließung vom 12. Dezember 2023 gezielt vor digitalen Architekturen mit Suchtpotenzial gewarnt. Die Europäische Kommission bereitet seit 2024 einen Digital Fairness Act vor, in dem suchtfördernde Gestaltung ein Schwerpunkt ist.
- Die OECD dokumentiert in ihren Bildungserhebungen, wie stark Geräteablenkung den Unterricht beeinträchtigt.
Clean Content versteht sich als Beitrag aus der Zivilgesellschaft, der dort ansetzt, wo Regulierung nicht hinreicht: bei der freiwilligen Entscheidung derjenigen, die Inhalte gestalten. Das Manifest ist kein Endpunkt, sondern die Grundlage für die Entwicklung eines gesundheitsorientierten digitalen Standards.
Wir glauben an die Kraft digitaler Inhalte – aber nicht an ihre Macht, uns zu kontrollieren. Wir setzen Vertrauen über Klickzahlen, Gesundheit über Algorithmen und Menschlichkeit über Mechanismen. Clean Content ist mehr als ein Konzept. Es ist eine Haltung.
Literatur und Quellen
Belohnungssystem und Mediennutzung
- Meshi, D., Morawetz, C. & Heekeren, H. R. (2013). Nucleus accumbens response to gains in reputation for the self relative to gains for others predicts social media use. Frontiers in Human Neuroscience, 7, 439.
- Turel, O., He, Q., Xue, G., Xiao, L. & Bechara, A. (2014). Examination of neural systems sub-serving Facebook „addiction“. Psychological Reports, 115(3), 675–695. Die Autoren betonen ausdrücklich Unterschiede zur Substanz- und Glücksspielsucht.
Aufmerksamkeit
- Mark, G. (2023). Attention Span. Hanover Square Press. Langzeitmessungen zur Verweildauer bei Bildschirmaufgaben.
- Chen, Y. et al. (2022). Eye-Tracking-Untersuchung zu problematischer Kurzvideonutzung und anhaltender Aufmerksamkeit.
Digitale Mediennutzung und ADHS-Symptome
- Ra, C. K., Cho, J., Stone, M. D. et al. (2018). Association of Digital Media Use With Subsequent Symptoms of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Among Adolescents. JAMA, 320(3), 255–263. Odds Ratio 1,10; von den Autoren als signifikant, aber moderat eingeordnet.
Visuelle Gesundheit
- Rosenfield, M. (2011). Computer vision syndrome: a review of ocular causes and potential treatments. Ophthalmic and Physiological Optics, 31(5), 502–515.
- Rosenfield, M. (2016). Computer vision syndrome (a.k.a. digital eye strain).
- DIN EN ISO 9241 – Ergonomie der Mensch-System-Interaktion.
Psychische Belastung
- Elhai, J. D. & Asmundson, G. J. G. (2020) sowie Montag, C. & Elhai, J. D. (2021): Arbeiten zu problematischer Smartphone-Nutzung, Angst- und Stresssymptomen.
Regulatorischer Rahmen
- Weltgesundheitsorganisation: ICD-11, Computerspielstörung (6C51).
- Verordnung (EU) 2022/2065 über digitale Dienste (Digital Services Act).
- Entschließung des Europäischen Parlaments vom 12. Dezember 2023 zu suchtfördernder Gestaltung von Online-Diensten.
- Europäische Kommission: Vorarbeiten zum Digital Fairness Act (seit 2024).
Verwandte Initiativen
- David, S., Blumtritt, J. & Köhler, B. (2010). Das Slow Media Manifest. slow-media.net/manifest (öffnet in neuem Tab)
- Center for Humane Technology. humanetech.com (öffnet in neuem Tab)
- Case, A. (2015). Calm Technology. O’Reilly.